Ihr Vater schlief noch, sie hörte das laute, immer wieder fast erstickende Schnarchen sogar hier oben in ihrem Zimmer auf dem Dachboden. Mit jedem neuen Laut den er von sich gab zuckte sie zusammen, kamen neue schmerzhafte Erinnerungen hoch. Erinnerungen, Vorstellungen, Gedanken daran wie er sich angehört hat, wie ihr ins Ohr gekeucht hat, wie ihr Bett geknarrt und er schweißgebadet, mit einem erfolgreichen und zufriedenen Lächeln über ihr auf den Händen abgestützt, gelegen hatte. Seine Haut auf ihrer, seine raue und vom Leben gealterte Haut auf ihrer reinen, blutjungen, mittlerweile narbenübersehten, zarten blassen Haut. Ihr fuhr ein kalter Schauer den Rücken hinunter, ihre Hände verkrampften sich, sie biss sich auf die Unterlippe und schloss die Augen. Sie kniff die Augen noch stärker zusammen, klammerte sich mit ihren Händen am Bettlaken fest, ihre Unterlippe bebte - da klopfte er an ihre Tür. Sie muss eine Ewigkeit so da gesessen haben, denn ihr Vater war wach und stand nun oben vor ihrer Zimmertür. Das Klopfen riss sie aus ihrer Starre, wieder stieg Angst in ihr hoch, ihr ganzer Körper zitterte und erschauderte, vor der Ungewissheit was er von ihr wollte und der Angst zu wissen, dass es das sein könnte, was ihr Leben so verändert hat, was sie so kaputt gemacht hat. Das wovon sie nächtelang Albträume hatte, was so unvorstellbar für Außenstehende war. Doch sie musste es am eigenen Leib erfahren, sie wusste wie es sich anfühlt, wie schmutzig man sich danach fühlte, dass man danach nie wieder so leben konnte wie vorher, dass es immer ein Teil seines Lebens sein würde. Mit zittriger Stimme hauchte sie ein "Ja?" in Richtung Tür. Ihr Vater öffnete sie langsam und vorsichtig, streckte seinen Kopf mit den noch wenig vorhandenen hellblonden Locken hindurch, lächelte sie an, nicht nur mit seinen schönen weißen Zähnen, sondern auch aus seinen strahlend blauen Augen und flüsterte ein zärtliches "Frühstück ist fertig" in ihre Richtung. Sie bemühte sich etwas lockerer und fröhlicher zu wirken. Sie setze eines ihrer gelungensten falschen Lächeln auf und nickte, sodass er wusste, dass sie mit ihm nach unten gehen würde, dass sie ihm wiedermal gehorchen würde, dass sie mit ihm, ihrem Peiniger, ihrem Schänder, ihrem Vater frühstücken würde. So als wenn es ihr gut geht, als wenn nichts gwesen ist, niemals irgendetwas sein wird.
Er warte in der Tür, dass sie sich erheben und mit ihm in die Küche gehen würde, doch sie rührte sich nicht, noch nicht. Er nickte ihr wieder mit seinem strahlenden Lächeln zu, ging aus der Tür und lehnte die Tür an. Bei jedem Schritt den sie von ihm auf der Treppe nach unten hörte, pochte ihr Herz etwas schneller, etwas lauter in ihrer schmerzenden, vor Kälte zitternden Brust. Sie stand auf und ging ins Bad. Sie spritze sich etwas Wasser ins Gesicht und erst jetzt bemerkte sie dass sie immer noch ihr falsches Lächeln aufgesetzt hatte. Es gelang ihr wirklich gut die Leute mit diesem schief verzoegen Mund immer wieder zu täuschen, sie zufrieden zu stellen. Es war ein schönes Lächeln, das wurde ihr schon oft gesagt, nur sah sie es selber nicht so. Für sie hatte Schönheit keine Bedeutung mehr, hatte sie nie wirklich gehabt, denn wer in ihre Augen sah, in ihre schönen großen braunen Augen, der sah die Wahrheit, den Schmerz, das verzweifelte, gebrochene und kaputte Mädchen hinter dem scheinbar so wunderschönen 'ehrlichen' Lächeln. Erst als ihr die Tränen über die Wange liefen schaffte sie es endlich ihr Gesicht zu enspannen. Das Lächeln verschwand, doch sie bemühte sich die eigentlich nicht vorhandene 'Fassung' zu bewahren, denn sie würde sich nun für mindestens eine halbe Stunde zusammen reisen müssen. Noch einmal nahm sie eine Hand voll Wasser und spritze sie sich ins Gesicht. Sie atmete ein paar Mal tief ein und wieder aus. Sie klammerte sich amWaschbeckenrand fest, stütze sich darauf, sah in den Spiegel, sah sich tief in die Augen, schloss die Augen, atmete noch einmal tief ein und verlies das Bad. Mit vorsichtigen und fast 'schwebenden' Schritten kam sie die Treppe hinunter. Ihr Vater saß schon am Frühstückstisch und rauchte seine Morgenzigarette. Dampfender Kaffee stand in zwei Tassen auf dem Tisch, davor doe Müslischüssel. Diverse Cerealienschachteln, Milchpakungen, Obst und Früchte standen auf dem von der Morgensonne hell erleuchteten Tisch. Ihr Vater nippte grade an seinem Kaffee als sie in die Küche kam. Er blickte auf und lächelte. "Lass es dir schmecken mein Liebling" säußelte er in ihre Richtung. Sie lächlte zaghaft zurück. Bei jedem Wort dass er an sie richtete zuckte sie zusammen. "Sieht gut aus" erwiederte sie kurz und knapp. Sie setze sich ihrem Vater gegenüber auf ihren Sitzplatz, füllte sich allerhöchstens 3 Esslöffel Müsli in ihre Schüssel und goss Milch darauf. Nachdem sie mit dem Löffel etwas darin umgerührt hatte, schob sie die Schüssel wieder von sich weg und wendete sich an ihrem Kaffee - schwarz, ohne Zucker und Milch.
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